Frank Göhre /

MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser

Cover »Mo – Der Lebensroman des Friedrich Glauser«
ca. 256 Seiten | Hardcover
ISBN 978-3-86532-085-8 | 19,90 EUR
Pendragon Verlag 2008

Friedrich Glauser war seit früher Jugend süchtig. Zeitlebens war er vom Morphium beherrscht, vom »Mo«, wie er es nannte. Von seinen 42 Lebensjahren verbrachte er über 8 Jahre in Irrenhäusern, psychiatrischen Anstalten und Kliniken. Dort interniert schrieb er seine ersten »Wachtmeister Studer« Romane. Sie begründeten seinen Ruf als »Vater der deutschsprachigen Kriminalliteratur«. »Mo - Der Lebensroman des Friedrich Glauser« ist eine literarische Annäherung an diese Vatergestalt. Glausers Romane und Erzählungen, seine autobiografischen Berichte, seine Briefe spiegeln ein bewegtes Leben wider, das eine ebenso faszinierende wie tragische Suche nach innerer Ruhe, nach Beständigkeit und dem verzweifelten Wunsch ist, »doch ein wenig anders leben« zu können.

DIE DROGE DER BEFREIUNG (Text: Tobias Gohlis)
Frank Göhre fasziniert mit seinem Lebensroman über Friedrich Glauser, den Begründer der modernen deutschen Kriminalliteratur
1938, am 8. Dezember, stirbt Friedrich Glauser in Nervi bei Genua. Die Hochzeitspapiere sind bereits beschafft, am Tag zuvor sollte es zum Standesamt gehen. Gültige Papiere zu besorgen war für Glauser nicht einfach. Seit 1918 stand er unter Kuratel. Jede Handlung, die einem mündigen Bürger frei steht, musste sich der Schriftsteller, der zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts zählt, von einem Vormund genehmigen lassen. Der Anlass: »Mo«. So nannte Glauser die Droge, von der er zeit seines erwachsenen Lebens nicht loskam, für deren Beschaffung er Rezepte fälschte, einbrach, stahl, log. Morphium. MO hat deshalb der Hamburger Kriminalschriftsteller Frank Göhre seinen »Lebensroman« genannt, der jetzt, zu Beginn des Glauserjahrs 2008 erscheint. Höchstes Lob: Göhre weckt erneut die Lust, Glauser zu lesen. Glauser vorzustellen, zu preisen, zu verstehen, ist Bestandteil von Göhres eigenem Lebenswerk. Seit bald 30 Jahren preist er Friedrich Glauser als Begründer einer neuen, sozialkritischen deutschsprachigen Kriminalliteratur. Nach Glauser hat deshalb das »Syndikat«, die Vereinigung der deutschsprachigen Kriminalschriftsteller, seinen jährlich vergebenen Preis benannt. Ein Markstein in der Glauserrezeption und –faszination war Göhres Zeitgenosse Glauser von 1988. Darin hatte er den Autor selbst sprechen lassen, in einer Auswahl von Texten zu Fotos und Lebensdokumente.

Formell knapp 10 Monate mündig?
Jetzt fesselt Göhre mit eigenen Worten. In seinen Krimis ist er Monteur, Arrangeur, Realitätensammler. Er zwingt zum Lesen der Lücken. Auch aus Glausers Leben lässt er so viel weg und deutet genau so viel an, dass einem ganz heiß wird, mehr wissen zu wollen: über den Autor und sein Werk. Da Glauser praktisch immer unter Amtsvormundschaft stand (Formell war der 1896 geborene Autor nur knapp zehn Monate, vom 4.6.1917 bis zum 18.1.1918, »mündig«), ist sein Leben umfassend dokumentiert. Doch das meiste davon hat Göhre beiseite gelegt. Er zitiert ein paar Krankenakten (darunter die der letzten Zeit, als Glauser nach einer Insulinschockbehandlung im Bad kollabiert und sich die Schädelbasis bricht), ein paar Tagebuchnotizen und Briefe und konzentriert sich ganz auf wenige Szenen. Er folgt seinem Protagonisten dichtauf. Bei aller Faktentreue: Glausers Empfindungswelt ist es, die zählt, verzerrt oder wahrhaftig, wie sie eben ist. Kunst der Knappheit: »Mo«, das zentrale, taucht nur fünf oder sechs Mal auf. Trotzdem weiß man auf jeder Seite: Du steckst in der Lebensgeschichte eines Junkies. Eines Junkies, der alles macht, um an die Droge zu kommen: klauen, fälschen, lügen. Bis die Droge ihn wieder drankriegt und er alle – sich selbst sowieso – verrät: Die mütterliche Freundin und Verlegerin Marie beschuldigt er der Fehlabrechung. Er fälscht sogar die Unterschrift des einzigen Psychiaters, der ihn jahrelang unterstützt, verstanden und zum Schreiben ermuntert hat.

Nix Heroisches?
»Ich hab immer wieder Angst vor mir«. Göhre gelingt mit wenigen, unauffälligen Strichen das Bild eines Zerrissenen, dem das Schreiben zur zweiten Droge der Befreiung wird. Nix Heroisches, keine Verklärung. Wie echauffiert dagegen Georg Hensel 1993 über Glauser: »Aus dem Elend in die Literatur«. Hurra! Nein, der Begründer des modernen deutschen Kriminalromans, das war ein armes Schwein, ein Junkie und Knastbruder, Irrenhäusler und Schwindler, aber auch ein Liebessüchtiger, dem weder all die zärtlichen Frauen noch die Literatur hat helfen können. Das ist für mich das Besondere:  Göhres MO liest man nicht als Biographie, als Schlüsseltext zur Erklärung des Phänomens »Glauser«, sondern als Erzählung von einem leidenden Menschen, dem es zu unserem Glück gegeben war, die Augen offen zu halten und für diese irre Welt klare Worte zu finden.

Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in Seite Vier – Das Magazin der neuen Bücher, März 2008

Siehe auch: www.togohlis.de | Tobias Gohlis spricht mit Frank Göhre über seinen Roman MO und Friedrich Glauser

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